Assessment-Typen

Formativ, summativ oder diagnostisch? Welche Assessment-Typen es gibt und wann welcher Ansatz sinnvoll eingesetzt wird.

Prüfen ist nicht gleich Prüfen

Assessment — die systematische Überprüfung von Wissen und Kompetenzen — dient ganz unterschiedlichen Zwecken. Eine Abschlussprüfung verfolgt andere Ziele als ein Übungsquiz während des Lernens, und eine Einstufung vor Kursbeginn erfüllt wieder eine andere Funktion.

Die Unterscheidung der Assessment-Typen ist mehr als akademische Terminologie: Sie bestimmt, welche Fragen gestellt werden, wie die Ergebnisse genutzt werden und welche Konsequenzen daraus folgen.

Formatives Assessment — lernbegleitend

Was es ist

Formatives Assessment findet während des Lernprozesses statt. Sein Zweck ist nicht die Benotung, sondern das Feedback — sowohl für Lernende als auch für Lehrende.

Der Begriff wurde 1967 von Michael Scriven geprägt und 1969 von Benjamin Bloom auf den Bildungsbereich übertragen. Black und Wiliam (1998) zeigten in ihrer einflussreichen Meta-Analyse, dass formatives Assessment zu den wirksamsten Maßnahmen zur Verbesserung von Lernergebnissen gehört — mit Effektstärken von 0,4 bis 0,7.

Typische Formen

  • Zwischenquizzes: Kurze Wissensüberprüfungen nach jedem Modul, ohne Notenrelevanz
  • Übungsaufgaben mit Feedback: Detaillierte Rückmeldung zu Fehlern und Verbesserungsmöglichkeiten
  • Lernkartenübungen: Spaced-Repetition-basierte Wiederholungen
  • Peer-Feedback: Lernende kommentieren die Arbeit anderer
  • One-Minute-Paper: Am Ende einer Lektion: „Was war das Wichtigste? Was ist unklar geblieben?”

Merkmale

  • Keine oder geringe Benotung — es geht um Lernen, nicht um Bewertung
  • Sofortiges, detailliertes Feedback — erklärt nicht nur richtig/falsch, sondern warum
  • Niedrige Hemmschwelle — Fehler sind ausdrücklich erwünscht
  • Hohe Frequenz — regelmäßig und engmaschig
  • Einfluss auf den weiteren Lernprozess — Ergebnisse steuern, was als Nächstes gelernt wird

Digitale Umsetzung

E-Learning-Plattformen können formatives Assessment besonders gut umsetzen: Automatisiertes Feedback in Echtzeit, adaptive Schwierigkeitsanpassung und Spaced Repetition machen lernbegleitende Überprüfung skalierbar — auch bei Hunderten oder Tausenden von Lernenden gleichzeitig.

Summatives Assessment — abschließend

Was es ist

Summatives Assessment steht am Ende eines Lernabschnitts. Es bewertet, ob die Lernziele erreicht wurden, und führt zu einem formalen Ergebnis — einer Note, einer Zertifizierung oder einem Bestehen/Nicht-Bestehen.

Typische Formen

  • Abschlussprüfungen: Klausuren, mündliche Prüfungen, praktische Prüfungen
  • Zertifizierungstests: IHK-Prüfungen, Führerscheinprüfung, IT-Zertifizierungen
  • Compliance-Nachweise: Pflichtschulungen mit Abschlusstest
  • Projektarbeiten: Bewertete Abschlussarbeiten oder Portfolios

Merkmale

  • Formale Bewertung — Noten, Punkte, Bestanden/Nicht-Bestanden
  • Hohe Konsequenz — das Ergebnis hat reale Auswirkungen (Zeugnis, Zertifikat, Berechtigung)
  • Standardisierung — alle Prüflinge unter vergleichbaren Bedingungen
  • Einmalig oder selten — am Ende eines Kurses, Semesters oder Ausbildungsabschnitts
  • Prüfungssicherheit — Maßnahmen gegen Täuschung und Manipulation

Qualitätskriterien

Summative Assessments müssen klassischen testtheoretischen Gütekriterien genügen:

  • Objektivität: Das Ergebnis ist unabhängig vom Prüfer
  • Reliabilität: Bei Wiederholung würde das gleiche Ergebnis erzielt
  • Validität: Es wird gemessen, was gemessen werden soll

Diagnostisches Assessment — einstufend

Was es ist

Diagnostisches Assessment findet vor dem Lernprozess statt. Es identifiziert den aktuellen Wissensstand, deckt Wissenslücken auf und ermöglicht eine gezielte Zuordnung zu Lernangeboten.

Typische Formen

  • Einstufungstests: Vor Kursbeginn das Vorwissensniveau ermitteln
  • Bedarfsanalysen: Welche Kompetenzen fehlen für eine bestimmte Rolle?
  • Skill-Assessments: Systematische Erhebung vorhandener Fähigkeiten
  • Pre-Tests: Dieselben Fragen vor und nach dem Kurs, um den Lernzuwachs zu messen

Einsatz in der Praxis

Diagnostisches Assessment ist die Grundlage für individuelle Lernpfade: Nur wer weiß, wo ein Lernender steht, kann den optimalen nächsten Schritt bestimmen. In der Prüfungsvorbereitung ermöglicht ein diagnostischer Vortest, dass Lernende sich gezielt auf ihre Schwachstellen konzentrieren.

Self-Assessment — Selbsteinschätzung

Was es ist

Beim Self-Assessment bewerten Lernende ihre eigenen Kompetenzen, Kenntnisse oder Lernfortschritte. Es ist kein Test im klassischen Sinne, sondern ein Reflexionswerkzeug.

Formen

  • Selbsteinschätzungsfragebögen: „Wie sicher fühlen Sie sich beim Thema X?” (Likert-Skala)
  • Kompetenzraster zur Selbstbewertung: Lernende ordnen sich auf definierten Kompetenzstufen ein
  • Lerntagebücher: Regelmäßige Reflexion über den eigenen Lernfortschritt
  • Vorher-/Nachher-Vergleich: Selbsteinschätzung vor und nach einem Kurs

Wert und Grenzen

Self-Assessment fördert metakognitive Fähigkeiten — das Wissen darüber, was man weiß und was nicht. Studien zeigen jedoch, dass Lernende ihre eigenen Kompetenzen oft über- oder unterschätzen (Dunning-Kruger-Effekt, Kruger & Dunning, 1999). Deshalb ist Self-Assessment am wertvollsten in Kombination mit objektivem Assessment.

Peer-Assessment — gegenseitige Bewertung

Was es ist

Beim Peer-Assessment bewerten Lernende die Arbeit ihrer Mitlernenden — nach vorgegebenen Kriterien und oft mit strukturierten Bewertungsbögen (Rubrics).

Vorteile

  • Vertieftes Verständnis: Wer bewertet, setzt sich intensiv mit den Kriterien auseinander
  • Perspektivenvielfalt: Feedback aus verschiedenen Blickwinkeln
  • Skalierbarkeit: Bei großen Gruppen, wo Einzelfeedback durch Lehrende nicht machbar ist
  • Soft Skills: Fördert kritisches Denken, Kommunikation und konstruktives Feedback

Herausforderungen

  • Qualität des Feedbacks: Ohne Training können Peer-Bewertungen oberflächlich oder unfair ausfallen
  • Akzeptanz: Nicht alle Lernenden vertrauen dem Urteil Gleichrangiger
  • Aufwand: Rubrics und Bewertungskriterien müssen sorgfältig erstellt werden
  • Anonymität: Anonymes Peer-Assessment liefert oft ehrlicheres Feedback

Topping (1998) zeigte in einer Meta-Analyse, dass gut strukturiertes Peer-Assessment vergleichbare Bewertungsergebnisse wie Expertenbewertungen liefern kann.

Assessment-Typen kombinieren

In der Praxis werden die Typen selten isoliert eingesetzt. Ein effektives Assessment-Design kombiniert sie strategisch:

PhaseAssessment-TypZweck
Vor dem KursDiagnostischEinstufung, Lernpfad zuweisen
Während des KursesFormativFeedback, Lernsteuerung, Motivation
Am KursendeSummativLeistungsbewertung, Zertifizierung
Nach dem KursDiagnostisch + FormativRetention prüfen, Auffrischung steuern

Dieses Zusammenspiel nennt man Assessment Lifecycle — und es ist umso wirkungsvoller, wenn die Ergebnisse aller Phasen in einem System zusammenfließen und den Lernpfad kontinuierlich optimieren.

Fazit

Die Unterscheidung der Assessment-Typen ist kein Selbstzweck — sie ist der Schlüssel zu wirksamem Lernen. Formatives Assessment verbessert den Lernprozess, summatives Assessment bewertet das Ergebnis, diagnostisches Assessment steuert den Einstieg. Wer alle drei Typen bewusst einsetzt und kombiniert, schöpft das volle Potenzial digitaler Prüfungssysteme aus.


Quellen und weiterführende Informationen:

  • Black, P. & Wiliam, D. (1998): „Assessment and Classroom Learning.” Assessment in Education, 5(1), S. 7-74.
  • Bloom, B.S., Hastings, J.T. & Madaus, G.F. (1971): Handbook on Formative and Summative Evaluation of Student Learning. McGraw-Hill.
  • Kruger, J. & Dunning, D. (1999): „Unskilled and Unaware of It.” Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), S. 1121-1134.
  • Topping, K. (1998): „Peer Assessment Between Students in Colleges and Universities.” Review of Educational Research, 68(3), S. 249-276.