Lerntypen — ein kritischer Blick
Die Idee, dass Menschen unterschiedliche „Lerntypen” haben und am besten lernen, wenn der Unterricht ihrem Typ entspricht, ist weit verbreitet. In Umfragen geben regelmäßig über 90 % der Lehrenden an, an die Existenz von Lernstilen zu glauben (Dekker et al., 2012). Die wissenschaftliche Evidenz zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild.
Bekannte Lernstil-Modelle
VARK-Modell
Das VARK-Modell von Neil Fleming (1987) unterscheidet vier sensorische Präferenzen:
- Visual — lernt bevorzugt durch Bilder, Diagramme, Grafiken
- Auditory — lernt bevorzugt durch Hören, Diskussionen, Vorträge
- Read/Write — lernt bevorzugt durch Lesen und Schreiben von Texten
- Kinesthetic — lernt bevorzugt durch Handeln, Ausprobieren, Bewegung
Kolbs Lernstile
David Kolb (1984) definierte vier Lernstile basierend auf seiner Theorie des erfahrungsbasierten Lernens:
- Diverger: Reflektiv, ideenreich, starke Vorstellungskraft
- Assimilator: Analytisch, logisch, theorieorientiert
- Converger: Praktisch, problemlösend, entscheidungsfreudig
- Accommodator: Experimentierfreudig, risikobereit, handlungsorientiert
Honey & Mumford
Peter Honey und Alan Mumford (1986) unterschieden ähnlich wie Kolb:
- Activist — lernt durch Tun
- Reflector — lernt durch Beobachten und Nachdenken
- Theorist — lernt durch Verstehen von Zusammenhängen
- Pragmatist — lernt durch praktische Anwendung
Was die Forschung sagt
Die Matching-Hypothese
Die zentrale Behauptung der Lernstil-Theorie lautet: Lernende erzielen bessere Ergebnisse, wenn die Lehrmethode ihrem Lernstil entspricht (Matching-Hypothese).
Pashler et al. (2008) führten eine umfassende Literaturanalyse durch und fanden keine überzeugende Evidenz für diese Hypothese. Ihre Schlussfolgerung: Die Studien, die die Matching-Hypothese angeblich stützen, erfüllen nicht die methodischen Mindestanforderungen.
Rohrer und Pashler (2012) bestätigten: „Es gibt derzeit keine ausreichende Evidenzbasis, die den Einsatz von Lernstil-Assessments in der Bildungspraxis rechtfertigt.”
Warum sich der Mythos hält
- Intuitive Plausibilität: Jeder hat Präferenzen — das fühlt sich nach verschiedenen Typen an
- Selbstbestätigung: Wer einem Typ zugeordnet wird, erkennt sich oft darin wieder (Barnum-Effekt)
- Kommerzielle Interessen: Lernstil-Tests und -Trainings sind ein Geschäftsmodell
- Vereinfachung: Die Komplexität individuellen Lernens wird auf ein einfaches Schema reduziert
Was stattdessen stimmt
Menschen haben Präferenzen, aber diese korrelieren nicht zuverlässig mit Lernerfolg. Was stattdessen den Unterschied macht:
- Vorwissen ist der stärkste Prädiktor für Lernerfolg (Hattie, 2009)
- Multimodale Aufbereitung nützt allen Lernenden (Mayer, 2009)
- Aktives Lernen ist effektiver als passives — unabhängig vom „Typ”
- Der Inhalt bestimmt das optimale Format — ein Musikstück lernt man durch Hören, Anatomie durch Bilder
Multimodale Inhalte — der evidenzbasierte Ansatz
Statt Inhalte für einzelne Lerntypen zu gestalten, ist der evidenzbasierte Ansatz: Inhalte multimodal aufbereiten — so dass alle Lernenden von verschiedenen Zugängen profitieren.
Die Multimedia-Prinzipien
Richard Mayer (2009) identifizierte in seiner Forschung zur Multimedia-Lerntheorie Prinzipien, die für alle Lernenden gelten:
- Multimedia-Prinzip: Kombination von Text und Bild ist effektiver als Text allein
- Kohärenz-Prinzip: Irrelevante Elemente weglassen — weniger ist mehr
- Signalisierungs-Prinzip: Wichtige Elemente visuell hervorheben
- Zeitliches Kontiguität-Prinzip: Zusammengehörige Text- und Bildelemente gleichzeitig zeigen
- Modalitäts-Prinzip: Gesprochener Text + Bilder oft effektiver als geschriebener Text + Bilder
Praktische Umsetzung
Ein Thema multimodal aufbereiten bedeutet:
- Text — strukturierte Erklärung mit Zwischenüberschriften
- Grafik/Diagramm — visuelle Darstellung des Konzepts
- Video — kurze Erklärung oder Demonstration
- Übung — interaktive Aufgabe zur Anwendung
- Zusammenfassung — Infografik oder Checkliste zum Nachschlagen
Nicht jedes Thema braucht alle fünf Formate — aber mindestens zwei verschiedene Zugänge erhöhen nachweislich den Lerneffekt.
Universal Design for Learning (UDL)
Das Framework
Universal Design for Learning ist ein vom Center for Applied Special Technology (CAST) entwickeltes Framework, das auf die Gestaltung inklusiver Lernangebote abzielt. Der Grundgedanke: Statt Lernangebote im Nachhinein für besondere Bedürfnisse anzupassen, werden sie von Anfang an so gestaltet, dass sie für die größtmögliche Bandbreite von Lernenden funktionieren.
Die drei UDL-Prinzipien
1. Mehrere Darstellungsformen (Representation) Das „Was” des Lernens: Informationen auf verschiedene Weisen präsentieren
- Text + Audio + Video
- Verschiedene Abstraktionsebenen
- Glossare und Hintergrundinformationen bereitstellen
2. Mehrere Aktionsformen (Action & Expression) Das „Wie” des Lernens: Lernenden verschiedene Wege ermöglichen, ihr Wissen zu zeigen
- Schriftlich, mündlich, multimedial
- Verschiedene Werkzeuge und Hilfsmittel
- Wahlmöglichkeiten bei Aufgabenformaten
3. Mehrere Engagementformen (Engagement) Das „Warum” des Lernens: Verschiedene Wege zur Motivation bereitstellen
- Wahlmöglichkeiten und Autonomie
- Relevanz und Authentizität
- Kollaboration und Community
Barrierefreiheit im E-Learning
Rechtliche Grundlage
Die EU-Richtlinie 2016/2102 und das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) verpflichten zunehmend auch privatwirtschaftliche Anbieter, digitale Angebote barrierefrei zu gestalten. Ab Juni 2025 gelten erweiterte Anforderungen.
Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.1)
Die vier WCAG-Prinzipien:
| Prinzip | Bedeutung für E-Learning |
|---|---|
| Wahrnehmbar | Alt-Texte für Bilder, Untertitel für Videos, ausreichende Kontraste |
| Bedienbar | Tastaturnavigation, genügend Zeit für Aufgaben, keine Blitzeffekte |
| Verständlich | Klare Sprache, konsistente Navigation, Hilfestellungen bei Fehlern |
| Robust | Kompatibilität mit Screenreadern und assistiven Technologien |
Barrierefreiheit in der Praxis
- Videos: Untertitel (Captions), Audiodeskription, Transkript
- Dokumente: Strukturierte Überschriften, semantisches HTML
- Interaktive Elemente: Tastaturzugänglich, ARIA-Labels
- Farben: Nicht als einziges Unterscheidungsmerkmal verwenden
- Schriftgrößen: Skalierbar, mindestens 16px Basisgröße
Differenzierung in digitalen Lernangeboten
Echte Differenzierung im E-Learning bedeutet nicht, vier Versionen desselben Kurses für vier Lerntypen zu erstellen. Es bedeutet:
- Flexible Formate: Lernende können wählen, ob sie Text, Video oder Audio bevorzugen
- Adaptive Schwierigkeit: Aufgaben passen sich dem Niveau an
- Selbstgesteuerte Vertiefung: Optionale Zusatzmaterialien für Interessierte
- Verschiedene Einstiegspunkte: Je nach Vorwissen können Module übersprungen werden
- Barrierefreie Grundgestaltung: Für alle nutzbar, unabhängig von Einschränkungen
Fazit
Die Lerntypen-Theorie mag intuitiv ansprechend sein, aber die Evidenz spricht dagegen. Was tatsächlich wirkt: multimodale Aufbereitung, die allen Lernenden zugutekommt, Universal Design for Learning als inklusiver Gestaltungsrahmen und adaptive Systeme, die sich an den tatsächlichen Lernstand anpassen — nicht an eine Typenbezeichnung.
Quellen und weiterführende Informationen:
- Pashler, H. et al. (2008): „Learning Styles: Concepts and Evidence.” Psychological Science in the Public Interest, 9(3), S. 105-119.
- Mayer, R.E. (2009): Multimedia Learning. 2. Aufl. Cambridge University Press.
- Dekker, S. et al. (2012): „Neuromyths in Education.” Frontiers in Psychology, 3, Art. 429.
- Hattie, J. (2009): Visible Learning. Routledge.
- CAST (2018): Universal Design for Learning Guidelines Version 2.2. udlguidelines.cast.org.
- Rohrer, D. & Pashler, H. (2012): „Learning Styles: Where’s the Evidence?” Medical Education, 46(7), S. 634-635.